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Was ist Trichotillomanie?


Autor: Steph (www.trich.de)
Trichotillomanie wird allgemein als Störung der Impulskontrolle bezeichnet. Zu dieser Gruppe gehören Pyromanie, Kleptomanie und das pathologische Spielen, auch als Spielsucht bezeichnet. Wie genau die Störung klassifiziert werden muss, wird derzeit noch kontrovers diskutiert.

Die offizielle Definition


Trichotillomanie wird offiziell so definiert:
  1. * Sich wiederholende und unwiderstehliche Impulse, sich die eigenen Haare auszureißen, mit der Folge sichtbaren Haarverlustes.
  2. * Verstärktes Gefühl von Spannung unmittelbar vor dem Haarausreißen.
  3. * Eine Befriedigung oder Erleichterung während des Haareausreißens.
  4. * Kein Zusammenhang mit einer vorher vorhandenen Hautentzündung und keine Reaktion auf Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
  5. * Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

Oft wird Trichotillomanie fälschlicherweise der allgemeinen Zwangsstörung zugeordnet; dies ist insofern nicht richtig, da sich Zwangsstörungen und diese Störung in verschiedenen Punkten unterscheiden. Der wichtigste Unterschied ist dabei das angenehme Gefühl, das sich während des Reißens bemerkbar macht; dieses ist bei Zwangsstörungen nicht vorhanden. Auch haben die Betroffenen nicht den Wunsch, aufzuhören. Daher sollte man sie eher als Verwandte der Zwangsstörung bezeichnen, denn völlig gegensätzlich sind sie natürlich nicht. Man bezeichnet die Trichotillomanie auch als Zwangsspektrumsstörung.

Es gibt Trichotillomanie-Patienten, die nebenbei auch an OCD (Obsessive Compulsive Disorder = klassische Zwangsstörungen) wie zwanghaftes Zählen z.Bsp. leiden. Trichotillomanie wird teilweise als eine Unterart der Zwangsstörung angesehen, denn es gibt Medikamente, die sowohl bei Trich als auch bei OCD helfen können. Allerdings, wenn man Trich als ein Symptom von OCD betrachten würde, spräche dagegen, dass bei Trich überwiegend Frauen betroffen sind. Die Verteilung der Geschlechter ist also einseitig, nicht so aber bei OCD und den anderen Zwangsstörungen.

Man beobachtet die Depression üblicherweise als Begleiterscheinung bei Trich. Diese wird durch Minderwertigkeitsgefühle hervorgerufen, die aus den Hänseleien resultieren. Es gibt manchmal auch eine direkte neurochemische Beziehung zwischen der Depression und Trich.

Die Krankheit und ihre Merkmale


Unruhe oder Spannung kurz vor dem Ausreißen der Haare sind häufig die genannten Auslöser. Daher bezeichnen viele das Reißen als eine Art Entspannung, im allgemeinen sind es immer angenehme Gefühle, die mit dem Haareausreißen verbunden werden. Jedoch verhindert die Angst vor einer Glatze das Anhalten dieses entspannten Zustandes.
Typisch für Trichotillomanie ist das Spielen mit den Haaren, nachdem sie ausgerissen wurden; viele streichen damit über die Lippen, durch den Mund oder ziehen die Haare durch die Finger.
Beim Extremfall der Trichotillomanie, den man auch als Trichophagie bezeichnet, essen die Betroffenen sogar die Haare; es bilden sich in seltenen Fällen so dichte Haarknäuel im Magen-Darm-Trakt, daß sie nur durch eine Operation entfernt werden können. Auch sind schon Fälle vorgekommen, in denen die Betroffenen an ihren Haarknäueln im Magen gestorben sind.
Es gibt aber auch viele, die das Haar zwar nicht essen, zumindest aber die Wurzel abbeißen. Bei diesen Leuten spielt die Wurzel als solche eine sehr wichtige Rolle.

Das Haar wird vorher genau ausgesucht, es wird nach Kriterien wie Rauheit oder sonstigen Besonderheiten ausgesucht und dann ausgerissen; es gibt immer bevorzugte Stellen, die aber auch wechseln können; daher sind die kahlen Stellen oft 'gut verteilt', um den Haarverlust nicht unbedingt an einer Stelle so krass zu halten. Es können alle behaarten Partien am Körper betroffen sein.
Für die meisten Menschen, die an Trich leiden, ist das Haareausreißen nicht schmerzhaft. Es handelt sich also nicht unbedingt um eine Störung mit wichtigem Schmerzfaktor, wie oft behauptet wird. In den meisten Fällen geht es gar nicht um den Schmerz, sondern um die angenehmen Gefühle, die dabei entstehen - paradoxerweise.

Das Reißen ersetzt eine Befriedigung, die anders nicht gefunden werden kann. Teilweise wurde Trichotillomanie schon als eine Art Übersprungshandlung (ein Begriff aus der Verhaltensbiologie) definiert, weil der Betroffene zwischen zwei Trieben steht, dem, sich entspannen zu wollen, und dem sich nicht entspannen zu dürfen. Das Reissen ist also eine Ausweichmethode, weil keine von beiden Trieben befriedigt werden kann. Die Betroffenen reissen meistens unter Stress, aber auch aus Langeweile.
Das Alter, in dem man mit dem Haareausreißen anfängt, ist unterschiedlich. Das durchschnittliche Alter beträgt Studien zufolge 12-13 Jahre, jedoch gibt es genügend Fälle, in denen es auch früher oder viel später eingesetzt hat.

Der Auslöser ist bei jedem verschieden; allgemein kann man aber meist von einer Traumatisierung sprechen, die in der frühen Kindheit stattgefunden hat, oder einfach von einer stressigen Zeit, Missbrauch und der Tod nahestehender Personen sind häufig Gründe dafür; dies lässt sich aber nicht immer beweisen, da den Betroffenen der eigentliche Anfangszeitpunkt selten bekannt ist.
Da das Durchschnittsalter in der Pubertät liegt, könnte es sein, daß auch Hormone dafür Gründe sein könnten. Da bedarf es aber noch der Forschung.
Trichotillomanie hat natürlich keine einzelne Ursache, vielmehr liegt wohl eine Kombination mehrerer relevanter Faktoren vor, so kann es auf genetische Veranlagung zurückgehen, aber in den meisten Fällen spielt Stress eine entscheidende Rolle. Die Forschung muss auch hier noch näher suchen.

Die Methoden und Erfolge der Psychoanalyse werden heute stark kontrovers diskutiert. Die Psychoanalytiker gehen von einer selbstbestrafenden Handlung aus, verursacht durch die Identifizierung mit einer strafenden Mutter. Es wurde auch in Verbindung mit Kastration, Onanie und anderen Entwicklungsproblemen gebracht.
Derzeit wird Trichotillomanie als eine medizinische Krankheit anerkannt. Noch unklar ist, ob Trich als Ursache ein chemisches Missverhältnis im Gehirn hat. Serotonin spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, auch in Bezug auf Depressionen.

Die Probleme, die Trich mit sich bringt, liegen klar auf der Hand. Es werden immer Versuche gestartet, das Verhalten einzuschränken oder gar zu stoppen; mit mehr oder weniger gutem Erfolg, meist jedoch mit weniger, weil sich die Betroffenen schnell durch Rückschläge entmutigen lassen.
Es wird mit Handschuhen herumexperimentiert, die Haare werden eingeölt, nass gemacht oder die Fingernägel kurz geschnitten.
Durch die dauernden Misserfolge bekommen die Betroffenen meist Minderwertigkeitsgefühle, häufig noch verstärkt durch die verständnislosen Fragen und Bemerkungen der Familie und Freunde.
Scham und Minderwertigkeitskomplexe führen oft zu depressiver Verstimmtheit oder zu starken Depressionen. Die Hänseleien, denen man im schlimmsten Fall ausgesetzt ist, verstärken diesen Effekt zusätzlich und besonders in der Pubertät kann das dramatische Folgen für die weitere Entwicklung haben, denn das Selbstvertrauen und die zwischenmenschlichen, außerfamiliären Beziehungen werden in dieser Zeit erstmals besonders wichtig und entwickeln sich.

Es gibt Menschen, die trotz ihrer Krankheit heiraten und ein normales Leben führen können, aber auch Menschen, die aus Angst vor einer Bloßstellung jede Aktivität außer Haus meiden und so auch sozial verarmen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden vermieden oder auf ein Minimum reduziert.
Dadurch kommt es zu einer immensen Einschränkung im alltäglichen Leben. Schwimmen oder sonstiger Sport muss vermieden werden, denn die Haare könnten ja verrutschen oder jemand könnte trotz der besten Verdeckung der kahlen Stellen einen darauf ansprechen. In solch sozial gesehen schlimmen Fällen muss besonders auf eine baldige Therapieunterbringung geachtet werden. Die Betroffenen können sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen, um so ihre sozialen Aktivitäten wieder aufnehmen zu können.

Dieser Text stammt von Steph's Trich-Seite

Kommentare

Feeby @ 21 Sep : 10:41
Reply to this
Wirklich super geschrieben und trifft volkommen zu. Fühle mich gerade mehr verstanden und bin froh etwas mehr darüber zu wissen.


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